Umwege erhöhen die Ortskenntnis

Implenia, das größte Bau- und Baudienstleistungsunternehmen der Schweiz, leistet in puncto BIM seit Jahren Pionierarbeit – nicht nur auf heimischen Märkten. „BIM-Master“ Dominic Singer gibt in diesem Interview einen kleinen Einblick in die bis dato gemachten Erfahrungen und Erkenntnisse. 

Was hat Sie dazu veranlasst, sich mit BIM auseinanderzusetzen und was hat sich seitdem verändert?

Ausgangspunkt war im Jahr 2015 das Projekt Albvorlandtunnel auf der Neubaustrecke Wendlingen – Ulm bei Stuttgart, ein anspruchsvolles Großprojekt der Deutschen Bahn an der Schnittstelle zwischen Tunnelbau, Spezialtiefbau und Ingenieurbau. Die hier gemachten Gehversuche waren letztlich Auslöser für viele unserer heutigen Aktivitäten im Tiefbau:

Wir lernten, alle Daten, die auf der Baustelle Tag für Tag produziert und benötigt werden, gezielter und strukturierter als bisher zu erfassen, zu speichern und weiterzuverarbeiten. Beispielsweise Daten zum Thema Baugrund, das uns als Tiefbauer natürlich maßgeblich interessiert: So erhalten wir im Idealfall seitens der Planung ein virtuelles Abbild des Baugrunds, welches wir dann baubegleitend und im Abgleich mit prognostizierten Leistungsparametern und Erkenntnissen über die tatsächlichen Bodenverhältnisse verfeinern. 

Im Zuge einer solchen digital aufgesetzten Ausführungsphase kommt uns als Tiefbauer eine neue und entscheidende Rolle zu: Wir sind nicht mehr allein Bauausführende, sondern auch Informationssammler und -verwalter, mit der steten Herausforderung, alle für künftige Zwecke relevanten Informationen baubegleitend zusammenzutragen und in strukturierter Form an unsere Kunden zu übergeben. Das alles unter der Vorgabe einer größtmöglichen Daten-Durchgängigkeit und der Vermeidung von Medienbrüchen. 

Im Ergebnis sind wir mittlerweile in der Lage, nicht mehr nur das rein physische Bauwerk, sondern auch dessen virtuelles Abbild zu liefern – für unsere eigene Arbeit, aber auch und vor allem als Dienstleistung für unsere Kunden. Sei es zum Zwecke des künftigen Bauwerk-Betriebs oder als Grundlage für mögliche Folgeprojekte. Entsprechend groß ist das Interesse unserer Kunden an Daten, die in der herkömmlichen Bauausführung, wenn überhaupt, dann nicht systematisch erfasst wurden.

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Umsetzung von BIM-Projektensammeln können?

Implenia operiert derzeit auf 6 Heimatmärkten – konkret in der Schweiz, in Deutschland, Österreich, Norwegen, Schweden und Frankreich. Dort führen wir Projekte mit sehr unterschiedlichen Anforderungen und Laufzeiten aus. 

Spannend im Hinblick auf die BIM-Thematik ist die Sonderstellung Skandinaviens, das sich an dieser Stelle als sehr fortschrittlich erwiesen hat: Hier hat sich schon seit einer  Weile die Erkenntnis durchgesetzt, dass es nicht ausreicht, BIM in Ausschreibungen einfach einzufordern sondern weitere, in Wechselwirkung stehende Randbedingungen wie das zugehörige Vertrags- und Vergabekonzept anzupassen und auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit hin auszurichten. 

Der hinter dieser Erkenntnis stehende Grundgedanke lautet: Erst wenn Bauherr und Planer als auch wir als Bauausführende und unsere Nachunternehmer das gleiche Ziel verfolgen, lässt sich BIM zielgerichtet und gewinnbringend für alle Beteiligten umsetzen. 

Dabei erfordert die Implementierung von BIM im Projekt, entgegen vielfacher Annahmen, weniger technologisches Spezialwissen, sondern vielmehr eine möglichst pragmatische und aufs Nötigste reduzierte Herangehensweise und eine konsequente Umsetzung. Dazu gehört beispielsweise das Loslösen von Parallelplanungen in 2D und 3D zugunsten einer durchgängigen Verwendung von BIM-Modellen als Ausführungsgrundlage. 

Diese alternativen Vertragsmodelle wie Early Contractor Envolvement, Design & Build oder auch Integrated Project Delivery sind in unseren Augen der Schlüssel zu einer erfolgreichen modellbasierten Realisierung eines Bauvorhabens. Dabei ist BIM zwar ein wichtiger aber eben nicht alleiniger Faktor für den Projekterfolg, der in erster Linie die nötige Transparenz ins Projekt bringt. 

Zugegeben ein großer Schritt verglichen mit der heutigen Projektrealität, bei der man sich eher konfrontativ gegenübersteht und in Fehlern der anderen Parteien den eigenen Vorteil sucht.

Ein Grund, weshalb wir in Deutschland und der Schweiz BIM aktuell vorrangig für unseren internen Nutzen in der Angebotsphase oder zur Unterstützung der Ausführung umsetzen. 

Wir hoffen jedoch sehr, dass auch hierzulande Vertrags- und Vergabemodelle in naher Zukunft so angepasst werden, dass die Vorteile von BIM auch darüber hinaus zur Anwendung kommen können. Erste Pilotprojekte zeigen, dass es möglich ist. 

Was würden Sie unseren Lesern zum Thema BIM auf den Weg geben wollen? 

Im Prinzip nur zwei Worte: „Einfach machen“. Nur ist das eben leichter gesagt als getan. Denn gerade hierzulande stehen wir uns oft selbst im Weg: Wir haben den Anspruch, Dinge so exakt wie möglich vorzubereiten und auf Anhieb perfekt umzusetzen. Das funktioniert im Kontext BIM aber nur bedingt, zumal es gerade im Tiefbau wenig Best-Practice-Beispiele gibt.

Meine Empfehlung: Haben Sie keine Angst davor, Fehler zu machen, aber lernen Sie daraus. Denn jeder Misserfolg ist immer auch Basis für eine Neuausrichtung und Weiterentwicklung. Frei nach dem Motto „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“. Gehen Sie das Thema einfach mit einem gesunden Pragmatismus an. Dann geht Vieles leichter von der Hand.

Dominic Singer

Dominic Singer
Head BIM Civil Engineering
Implenia Schweiz AG

 

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